von Geertje Andresen

Weltberühmt wird sie wegen ihres komödiantischen Tanztalents, ihrer Leichtigkeit und ihrer außergewöhnlichen Sprungkraft. Die „Hochtänzerin“ Yvonne Georgi ist eine der wenigen modernen Tänzerinnen, die mit ihrer Kunst ein großes internationales Publikum sowohl in den für den Ausdruckstanz „goldenen“ 1920er Jahren, als auch als Choreographin in den 1950er und 1960er Jahren begeistern kann. Dabei entdeckt sie als Jugendliche das Tanzen für sich nur so nebenbei, als zufälligen Spaß. Am 23. Oktober 1903 kommt sie in Leipzig als Tochter einer französischen Mutter aus Algerien und ihres zwanzig Jahre älteren Ehemanns, des deutschen Arztes Dr. Georgi, zur Welt. Sie soll nach ihrem Schulabschluss 1920 eigentlich in ihrer Heimatstadt an der Deutschen Bücherei Bibliothekarin werden und beginnt auf Wunsch ihrer Eltern mit dieser Ausbildung. Dass sie aber auch eine große Tanzbegabung ist, zeigt sich, als sie mit ihrer Freundin Käthe Niekisch – Tochter des Dirigenten Arthur Niekisch – gemeinsam eine Pantomimeaufführung in deren Elternhaus inszeniert. Hier offenbart sich ihr darstellerisches Talent so überdeutlich, dass sich eine solide Tanzausbildung für sie geradezu aufdrängt. Neben ihrer Ausbildung zur Bibliothekarin besucht sie fortan also auch Kurse in rhythmischer Gymnastik an der Leipziger Schule von Agathe Schlesinger und nimmt nur wenige Wochen später an einer Art Talentwettbewerb für den künstlerischen Nachwuchs bei den „Bunten Nachmittagen für die Jugend“ teil. Das Publikum ist von ihr begeistert.

Yvonne Georgi tanzt ‚Tijuca‘ zu Musik von Darius Milhaud, ca. 1929 Yvonne Georgi tanzt „Tijuca“ zu Musik von Darius Milhaud, ca. 1929
Foto © Ortéga / Deutsches Tanzarchiv Köln
Yvonne Georgi tanzt ‚Tijuca‘ zu Musik von Darius Milhaud, ca. 1929

Als das junge Mädchen im November des gleichen Jahres das erste Mal einen Tanzabend von Mary Wigman erlebt, weiß sie, dass ihr Leben dem Tanz gehört. Sie beschließt, ihre Ausbildung an der Deutschen Bücherei abzubrechen und stattdessen nach Hellerau an die Schule von Emile Dalcroze zu gehen. Die rhythmische Gymnastik von Dalcroze ist ihr jedoch nicht tänzerisch genug, so dass sie gleich zu Beginn des Jahres 1921 nach Dresden an die Schule von Mary Wigman wechselt. Die zweifelt nicht eine Sekunde an Georgis Talent, ernennt sie nach wenigen Monaten zu ihrer Meisterschülerin und nimmt sie als festes Mitglied in ihre Tanzgruppe auf. In dieser Position darf Yvonne Georgi ab September 1921 an den Gastspielreisen der Gruppe durch viele größere und große Städte in Deutschland teilnehmen.

Im Februar 1923, noch keine zwanzig Jahre alt, startet sie ihre Karriere als Solotänzerin. Sie gibt ihren ersten Tanzabend im Städtischen Kaufhaus in Leipzig und begeistert Publikum und Presse mit ihrer Eigenwilligkeit und ihrer „ungewöhnlichen Triebhaftigkeit“ als „wahrhafte Tänzerin“. Schon im Herbst 1923 unternimmt sie mit Gret Palucca – einer der anderen Meisterschülerinnen von Mary Wigman – einen Soloabend in Berlin. Die beiden sind auf Anhieb so erfolgreich, dass sie eine Weile gemeinsam in den Städten solistisch gastieren, in denen sie schon zuvor als Mitglieder der Tanzgruppe von Mary Wigman aufgetreten sind. Über Wochen und Monate steht Yvonne Georgi Abend für Abend nicht nur als Gruppentänzerin, sondern immer öfter als Solotänzerin auf der Bühne. Gemeinsam mit den damaligen Musikstudenten Alfred Schlee und Fritz Cohen tourt sie durch das unter der galoppierenden Inflation leidende Deutschland. Alfred Schlee und Fritz Cohen begleiten die Choreographien von Yvonne Georgi entweder auf dem Klavier oder mit dem Schlagwerk. Beide begeistern sich genau wie die Tänzerin für die musikalische Moderne und präsentieren als Korrepetitoren die bislang ungewohnten Stücke von Ernst Krenek, Bela Bartok oder Francis Poulenc einem begeisterten Publikum. Fritz Cohen komponiert wenig später selbst u. a. die Musik zu Kurt Jooss’ Choreographie „Der grüne Tisch“, und Alfred Schlee wird einige Jahre später Direktor des auf zeitgenössische Kompositionen spezialisierten Musikverlages Universal-Edition in Wien.

Yvonne Georgi als ‚Salome‘, ca. 1929 Yvonne Georgi als „Salome“, ca. 1929
Foto © Ortéga / Deutsches Tanzarchiv Köln
Yvonne Georgi als ‚Salome‘, ca. 1929

Die Solokarriere von Yvonne Georgi lässt sich auf die Dauer nicht mit den Proben und Aufführungen der Tanzgruppe von Mary Wigman vereinbaren. Sie beendet deshalb 1923 dort ihre Mitgliedschaft. Als sie 1924 aus purem Vergnügen auch im Leipziger Kabarett „Retorte“ mitwirkt und beim Pressefest im Leipziger Zoo „eine Orgie dämonischer Verwirrung“ tanzt, wird Kurt Jooss auf sie aufmerksam. Er bittet sie zunächst, für das „Persische Ballett“ von Egon Wellesz die weibliche Hauptrolle zu übernehmen; die männliche Hauptrolle tanzt Harald Kreutzberg, der zu diesem Zeitpunkt als Star-Solotänzer an der Berliner Staatsoper fest engagiert ist. Das Ballett wird im Sommer 1924 beim Kammermusikfest in Donaueschingen uraufgeführt und ist außerordentlich erfolgreich. Hier lernt Yvonne Georgi auch den Komponisten Paul Hindemith kennen, mit dem sie nicht nur eine lebenslange Freundschaft verbindet, sondern dessen Musik sie jahrzehntelang insbesondere für ihre größeren Choreographien nutzt.

Yvonne Georgi und Harald Kreutzberg in einem Tanz der Strawinsky-Suite, 1928. Yvonne Georgi und Harald Kreutzberg in einem Tanz der „Strawinsky-Suite“, 1928.
Foto © Hans Robertson / Deutsches Tanzarchiv Köln
Yvonne Georgi und Harald Kreutzberg in einem Tanz der Strawinsky-Suite, 1928.

Nach dem Erfolg in Donaueschingen verpflichtet Kurt Jooss Yvonne Georgi für die Spielzeit 1924/25 als Solotänzerin ans Theater der Stadt Münster. Jooss hat dort gemeinsam mit dem Intendanten Hanns Niedecken-Gebhardt, dem Musikdirektor Rudolf Schulz-Dornburg, dem Musiker Fritz Cohen, dem Laban-Schüler Sigurd Leeder und dem Bühnen- und Kostümbildner Hein Heckroth „Die Neue Tanzbühne“ ins Leben gerufen und schafft es innerhalb einer einzigen Spielzeit, seine Münsteraner Tanzgruppe mit ihren modernen Stücken in ganz Deutschland bekannt zu machen. Für Yvonne Georgi ist dieses Engagement der Türöffner für ihren nächsten Karriereschritt: Sie wird in der Spielzeit 1925/26 mit noch nicht einmal 22 Jahren am Reußischen Theater in Gera Leiterin der Tanzgruppe. Außerhalb Geras macht sie mit ihrem modernen, witzigen Tanztheater Furore. Sie zeigt u. a. solistische Szenen wie „Arabische Suite“ zu Musik des zeitgenössischen Komponisten Felix Petyrek oder die als Gruppenstück eingerichteten Brasilianischen Tänze „Saudades do Brazil“, die Darius Milhaud 1920 für Klavier komponiert hatte. Ihre lebendigen Choreographien werden nach Leipzig und Berlin eingeladen: Dort sind Publikum und Presse von ihrer Komik und Leichtigkeit tief beeindruckt. Nur das Publikum in Gera ist verwirrt über die ungewohnte Heiterkeit im modernen deutschen Tanz. Es bleibt den Vorstellungen fern. „Wegen mangelnden Interesses des Publikums“ erhält ihre gesamte Geraer Tanztruppe zum Ende der Spielzeit 1926 ihre Kündigung.

Yvonne Georgi ficht das nicht an. Sie wird sofort als Tanzmeisterin an die Städtischen Bühnen Hannover engagiert und nimmt ihre Partner aus Gera gleich dorthin mit. Sie weiß, was sie an ihnen hat und revolutioniert ab sofort zehn Jahre lang den Bühnentanz in Hannover. Es gelingt ihr damals schon, mit den Tänzern eine Synthese aus klassischem Ballett und modernem Tanz zu schaffen. Sie richtet im Oktober 1926 in Hannover eine eigene Tanzschule ein, in der sie neben Laien vor allem professionellen Tänzern eine umfassende Ausbildung bietet, die sowohl der klassischen als auch den modernen Tanztechniken gerecht wird. Damit sorgt sie auch dafür, dass für ihre eigene Kompanie gut qualifizierter Nachwuchs bereit steht.

Balletten Yvonne Georgi in ihrer Choreographie ‚Prometheus‘, Holland ca. 1938 Balletten Yvonne Georgi in ihrer Choreographie „Prometheus“, Holland ca. 1938
Foto © N.N. / Deutsches Tanzarchiv Köln
Balletten Yvonne Georgi in ihrer Choreographie ‚Prometheus‘, Holland ca. 1938

Im Dezember 1926 präsentiert sie ihren ersten Kammertanzabend in Hannover mit der Aufführung der beiden Strawinsky-Ballette „Pulcinella“ und „Petruschka“. Auch dieser Abend wird ein außerordentlicher Erfolg. Für die männliche Hauptrolle in „Petruschka“ hat Yvonne Georgi ihren Partner aus Donaueschingen, Harald Kreutzberg, als Gast an ihr Haus geholt. Die beiden Künstler entwickeln im Laufe der nächsten Monate in ihrer choreographischen Zusammenarbeit an „Don Morte“, „Das seltsame Haus“ und „Baby in the Bar“ ein so enges Miteinander, dass sie bald davon überzeugt sind, ohne den anderen nicht existieren zu können. Sie werden eines der weltweit erfolgreichsten Tanzpaare, das auch in den USA Furore macht. Das Publikum ist fasziniert von ihrer hervorragenden Tanztechnik, ihrem Witz, ihrer Ironie und ihrer Originalität, ihren Kostümen und ihren Bühnenbildern. Jede Vorstellung der beiden ist ausverkauft. Sie sorgen immer wieder für Irritation durch ihr Spiel mit den Geschlechterrollen. Kreutzberg gilt als sehr männlicher und starker Tänzer, der aber durchaus feminine, zierliche Gesten und Bewegungen, ja geradezu zarte Innigkeit überzeugend darstellen kann. Georgi wirkt dagegen oft herb und burschikos. Und so ist in den gemeinsamen Auftritten oft nicht eindeutig zu erkennen, wer nun den männlichen bzw. den weiblichen Part tanzt.

Programmzettel des ersten solistischen Tanzabends von Yvonne Georgi, Dresden, Künstlerhaus, 17. März 1924. Musikalische Begleitung: Alfred Schlee und Fritz Cohen. Programmzettel des ersten solistischen Tanzabends von Yvonne Georgi, Dresden, Künstlerhaus, 17. März 1924. Musikalische Begleitung: Alfred Schlee und Fritz Cohen.
© Deutsches Tanzarchiv Köln
Programmzettel des ersten solistischen Tanzabends von Yvonne Georgi, Dresden, Künstlerhaus, 17. März 1924. Musikalische Begleitung: Alfred Schlee und Fritz Cohen.

Wegen einschneidender Sparmaßnahmen an den Städtischen Bühnen in Deutschland, die oftmals zur Entlassung des gesamtes Corps de Ballets führen, müssen auch Yvonne Georgi und Harald Kreutzberg in der Spielzeit 1931/1932 ihre Zusammenarbeit allmählich aufgeben. Sie veranstalten noch eine gemeinsame Abschiedstournee, ehe Georgi für ein Jahr nach Amsterdam geht, dort im Januar 1932 den Dirigenten, Musikkritiker und Chefredakteur des Feuilletons der Zeitung „De Telegraaf“ Louis Marie George Arntzenius heiratet und holländische Staatsbürgerin wird. Diese Staatsbürgerschaft behält sie für den Rest ihres Lebens.

Yvonne Georgi hat in den Jahren ihrer intensiven Zusammenarbeit mit Harald Kreutzberg ihre Lehrtätigkeit an ihrer Tanzschule in Hannover beibehalten und auch weiterhin für das Ballett am Staatstheater in Hannover choreographiert. Nur als Solistin ist sie in Hannover nicht so häufig zu sehen gewesen, wie sich das Publikum dies gewünscht hätte. In Amsterdam beginnt sie jetzt, ein neues eigenes Tanzensemble aufzubauen und richtet wieder eine eigene Tanzschule ein. Ihren engen Kontakt zur Tanzszene nach Hannover behält sie indes bei und bittet auch einige Tänzer aus ihrer Hannoverschen Kompanie als Gäste bei ihren Tanzabenden in Holland mitzuwirken. Ihr Ehemann übernimmt die musikalische Leitung der neuen Tanzgruppe und begleitet auch deren Tourneen.

Erst als Yvonne Georgi nur noch sporadisch und dazu nicht auf der Bühne, sondern im Theaterpublikum in Hannover zu sehen ist, begreifen die Hannoveraner, welchen Schatz sie mit ihr verloren haben. Sie bemühen sich intensiv darum, Yvonne Georgi als Ballettmeisterin an ihr Theater zurück zu holen und sind erfolgreich. Ab Herbst 1933 übernimmt sie

Eine der Kritiken zum ersten solistischen Tanzabend von Yvonne Georgi Eine der Kritiken zum ersten solistischen Tanzabend von Yvonne Georgi. Dresdener Anzeiger, 18. März 1924. „Bemerkenswert ist dabei ihr oftmals Dämme sprengen wollendes Temperament, das sich nicht heroisch, sonder eher kapriziös äußert.“
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Eine der Kritiken zum ersten solistischen Tanzabend von Yvonne Georgi

für weitere drei Spielzeiten, diesmal nur mit Halbjahresverträgen ausgestattet, erneut die Ballettmeisterposition an den Städtischen Bühnen Hannover. Obwohl sie weiterhin auch in Holland mit holländischen Tänzern Tanzabende gibt und in Deutschland wieder zahlreiche Tourneen absolviert – allein oder mit ihren Tänzern aus Hannover – gelingt es ihr noch einmal, Hannover den Ruf einer der wichtigsten Tanzstädte in Deutschland zu geben. Ohne die Unterstützung ihres ersten Solisten und Stellvertreters Herbert Freund wäre das nicht zu schaffen gewesen, denn Georgi inszeniert zusätzlich in Amsterdam mit ihrer holländischen Kompanie moderne Ballette für die „Wagnervereinigung“, die alle Epochen der klassischen Musik fördert. Und sie reist außerdem 1935 für zwei sehr erfolgreiche Soloabende nach New York. Weiterhin beginnt sie, sich in Paris intensiv mit dem klassisch-akademischen Tanz zu befassen.

Während des Dritten Reichs kann Yvonne Georgi in Hannover nicht mehr Ballette zu Jazz oder den von ihr bevorzugten zeitgenössischen Komponisten choreographieren, weil deren Musik häufig als „entartet“ verboten ist. Damit muss sich auch ihr choreographisches Themenspektrum in Deutschland verändern, und sie begibt sich hier jetzt auf rein klassisches Terrain. Sie choreographiert zu Musik von Bach, Mozart, Schumann oder Beethoven. Für diese am klassischen Tanz orientierten Inszenierungen holt sie sich mit Victor Gsovsky und Werner Stammer erfahrene Unterstützung von der Berliner Staatsoper nach Hannover.

1936 zieht sich Yvonne Georgi weitgehend aus Deutschland zurück. Sie versucht in Holland mit Unterstützung der „Wagnervereinigung“ eine feste niederländische Ballettkompanie zu gründen. Die hatte es bisher in diesem Land nicht gegeben. Bis zur deutschen Besetzung der Niederlande 1940 gelingt es Georgi, die Existenz ihrer Kompanie durch klassische Balletteinlagen in Operninszenierungen zu sichern, darüber hinaus moderne Tanzeinlagen im Sprechtheater zu zeigen und so auch am Ende jeder Spielzeit moderne Tanzabende zu finanzieren, in denen ausschließlich ihr eigenes Ensemble mit ihren Choreographien zu sehen ist. Ab 1937 tritt diese Ballettkompanie in den Sommermonaten regelmäßig bei den Kulturveranstaltungen des Kurbades Scheveningen auf.

Dienstvertrag von Yvonne Georgi als Leiterin der Tanzgruppe des Reußischen Theaters, Gera und Greiz, für die Spielzeit 1925-1926. Dienstvertrag von Yvonne Georgi als Leiterin der Tanzgruppe des Reußischen Theaters, Gera und Greiz, für die Spielzeit 1925-1926.
© Deutsches Tanzarchiv Köln
Dienstvertrag von Yvonne Georgi als Leiterin der Tanzgruppe des Reußischen Theaters, Gera und Greiz, für die Spielzeit 1925-1926.

Yvonne Georgi greift für die Aufführungen zum Teil auf Choreographien zurück, die sie in den letzten drei Jahren in Hannover geschaffen hat. Sie entwickelt aber auch neue Stücke zu Musik von holländischen Komponisten, wie Julius Röntgen, Alex Voormolen, Henk Badings u. a. Im Herbst 1937 kann sie das Musical von Franz Hals „The Laughing Cavalier“ sogar in London aufführen, und ein Jahr später reist sie mit ihrer gesamten Kompanie in die USA, um Anfang 1939 in New York und Washington D. C. ihre Choreographien zu zeigen. Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass das amerikanische Publikum dem modernen deutschen Tanz mit großem Interesse begegnet. Diesmal ist sie mit ihrer noch jungen Kompanie jedoch nicht erfolgreich. Nach nur zwei Vorstellungen muss sie die geplante Tournee abbrechen. Die bisherigen Einnahmen ermöglichen der Truppe ganz knapp, die Rückreise nach Europa zu bezahlen. Yvonne Georgi fängt das finanzielle Fiasko auf, indem sie gleich nach der Rückkehr im März und April 1939 mit ihrer Kompanie in Amsterdam unter dem Pseudonym „Almira-Ballett“ in der Zirkus-Revue „Rhapsodie in weiß“ auftritt.

Als die Deutschen 1940 Holland okkupieren, unterstellen sie sämtliche Lebensverhältnisse der NS-Verwaltung. Das bedeutet auch eine Umstrukturierung und Gleichschaltung des Kulturlebens. Die drei Theatergattungen werden zu einem gemeinschaftlichen Theaterbetrieb zusammengefasst, und Yvonne Georgi übernimmt die Leitung der Sparte Tanz. Das ist für sie eine heikle Situation. Auf der einen Seite möchte sie sehr gern das von ihr aufgebaute holländische Nationalballett weiterhin leiten, auf der anderen Seite ist sie wegen dieses Wunsches erpressbar. Sie beschließt, grundsätzlich mit ihrem Ballett nur in Holland selbst aufzutreten. Damit sind die deutschen Machthaber aber nicht einverstanden. Sie drohen, ihre männlichen Tänzer zur Zwangsarbeit zu verpflichten, wenn sie nicht mit ihrer Kompanie in Deutschland auftritt. Damit ihre Tänzer weder in den Krieg noch zu anderer Zwangsarbeit eingezogen werden, sieht sie sich gezwungen, im November 1941 in Deutschland mit ihrem Ballett acht Vorstellungen für die Publikumsorganisation „Kraft durch Freude“ (KdF) zu geben. Sie rettet damit ihren männlichen Tänzern vermutlich das Leben, weil sie tatsächlich nicht eingezogen werden. Aber nach Kriegsende wird ihr wegen dieser Auftritte die Leitung ihres Balletts entzogen. In Holland ist damit ihre tänzerische Karriere beendet.

1949/50 beginnt für Yvonne Georgi ein vollkommen neuer beruflicher Lebensabschnitt. Sie choreographiert in Paris die Hauptrolle für eine junge Tänzerin im Film „Ballerina“ unter der Regie von Ludwig Berger und vervollkommnet ihren eigenen Spitzentanz. Kurioserweise überzeugt die bei Mary Wigman ausgebildete moderne Tänzerin nach dem Krieg ausgerechnet mit diesen erst spät professionalisierten klassisch-akademischen Tanzqualitäten. Diese sind es auch, die ihr ein Comeback in der vollkommen veränderten Tanzszene in Deutschland ermöglichen. Das Publikum will nach den zwölf Jahren erzwungener Abstinenz von der internationalen Entwicklung im Tanz nun vor allem die klassischen Tanzkompanien aus den USA, Frankreich und Großbritannien sehen. Die meisten jungen deutschen Tänzer möchten jetzt eine fundierte klassisch-akademische Tanzausbildung bekommen und sind für die Tanzmoderne der 1920er Jahre nicht mehr zu begeistern. Yvonne Georgi aber kann beides, und zwar außergewöhnlich gut: Sie kehrt 1951 nach Deutschland zurück und übernimmt als Ballettmeisterin die Abraxas-Kompanie. Obwohl dieses am 6. Juni 1948 an der Bayerischen Staatsoper uraufgeführte Faust-Ballett von Werner Egk (Choreographie: Marcel Luipart) wegen angeblichen Erregens öffentlichen Ärgernisses aus politischen Gründen nach wenigen Vorstellungen vom Spielplan abgesetzt wird, begeistert es ein Jahr später – nämlich nach seiner Berliner Aufführung im Oktober 1949 – ein großes Publikum und gehört Jahre lang zu den populärsten Balletten in Deutschland. Die Abraxas-Kompanie tourt durch das immer noch weitgehend zerstörte Deutschland und verschuldet sich auf dieser Tournee sehr hoch. Daran kann auch Yvonne Georgi nichts ändern.

Programmheft der Third American Tour, Season 1930 - 1931, of the world’s greatest dancers Harald Kreutzberg and Yvonne Georgi. Programmheft der Third American Tour, Season 1930 - 1931, of the world’s greatest dancers Harald Kreutzberg and Yvonne Georgi.
Foto © Deutsches Tanzarchiv Köln
Programmheft der Third American Tour, Season 1930 - 1931, of the world’s greatest dancers Harald Kreutzberg and Yvonne Georgi.

Von Walter Bruno Iltz, ihrem einstigen Intendanten in Gera, erhält sie jetzt das Angebot, zur Spielzeit 1951/52 am Düsseldorfer Opernhaus die Oberleitung des Balletts zu übernehmen. Sie nimmt das Angebot an und bemüht sich drei Jahre lang, dem Düsseldorfer Publikum anspruchsvollen Tanz nahe zu bringen, indem sie u. a. in Volkshochschulen Einführungsvorträge zu ihren Choreographien hält und öffentliche Proben veranstaltet. Die Premieren ihrer Aufführungen sind stets ausverkauft und werden hoch gelobt. Aber das Publikum will das Ballett doch lieber in den zahlreichen Operetten, die auf dem Spielplan stehen, sehen. Yvonne Georgi kommt in Düsseldorf nicht weiter und verlässt das Haus 1954 wieder.

Sie kehrt nach Hannover zurück und wird mit offenen Armen empfangen. In dieser Stadt kann sie in aller Ruhe und mit größtmöglicher Unterstützung eine Tanzkompanie nach ihren Vorstellungen aufbauen. Sie erhält ebenfalls vertraglich zugesichert, dass sie in jeder Spielzeit zwei eigene Ballettpremieren herausbringen, außerdem einen weiteren Kammertanzabend im Schauspielhaus im Ballhof veranstalten und mit ihrem Ballett jährlich an den Sommerspielen in Hannover-Herrenhausen auftreten darf. In einer Zeit, in welcher der Tanz an den deutschen Stadttheatern höchst stiefmütterlich behandelt wird, sind das sehr großzügige Zugeständnisse. Weiterhin übernimmt Yvonne Georgi die Leitung der Tanzabteilung in der Akademie für Musik und Theater (sie wird 1959 zur Professorin ernannt) und hat damit eine stabile Basis, nicht nur eine Tanzkompanie aufzubauen, sondern dieser Kompanie auch die Möglichkeit zu geben, öffentlich und gut finanziert aufzutreten. Systematisch baut sie nun eine Tanztruppe auf, die sowohl die klassisch-akademische, als auch moderne Techniken beherrscht und beide Systeme überzeugend miteinander kombinieren kann. Mit diesem Ensemble kann sie sowohl Werke des neunzehnten Jahrhunderts aufführen, als auch den modernen Tanz der 1920er Jahre aufgreifen und erneuern. Zu den wichtigsten Choreographien dieser Jahre gehört Glück, Tod und Traum, das 1954 in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Gottfried von Einem entsteht und sich mit der Frage beschäftigt: „Was ist ein Mensch?“. Ein Jahr später thematisiert Georgi diese Frage erneut und kreiert diesmal zur Musik des Amerikaners Morton Gold die Human Variations. Revolutionär aber sind ihre drei Choreographien zu elektronischer Musik des Holländers Henk Badings. Als das Elektronische Ballett 1957 in Hannover uraufgeführt wird, ist in Deutschland elektronische Musik nahezu unbekannt. Ein Ballett nach dieser Musik auf die Bühne zu bringen, ist überaus mutig. Das Publikum ist von diesem Stück, in dem der Konflikt zwischen den gegensätzlichen Prinzipien des klassischen und des modernen Tanzes gezeigt und überwunden wird, begeistert und bekommt ein Jahr später die eher traditionelle Suite Evolutionen (erneut zu einer elektronischen Komposition von Henk Badings) präsentiert. 1960 bringt Georgi dann das viele Jahre in Hannover gespielte Stück „Die Frau aus Andros“ heraus. Als Grundlage für die Handlung dient ihr die gleichnamige Novelle von Thornton Wilder. In acht choreographischen Szenen zeigt sie aber nicht etwa ein Handlungsballett im üblichen Sinn, sondern sie lässt vielmehr in beeindruckenden Soli die innere Handlung der Hauptperson tanzen und findet auch mit diesem dritten elektronischen Ballett allergrößte Zustimmung bei Publikum und Kritik.

Als im September 1964 ihr Ehemann L.M.G. Arntzenius stirbt, verliert Yvonne Georgi mit ihm auch einen Kollegen, der sie jahrzehntelang begleitet und unterstützt hat. Dennoch arbeitet sie unermüdlich weiter. Ihre eigene Kraft ist noch nicht erschöpft. Erst 1970 endet ihr festes Engagement als Choreographin am Staatstheater in Hannover. Zum Abschied erhält sie das Große Verdienstkreuz des Landes Niedersachsen. An der Hochschule für Musik und Theater in Hannover bleibt sie aber weiterhin tätig. Und auch als Choreographin übernimmt sie 1971 eine Gastverpflichtung in Buenos Aires.

1973 entwickelt sie als Gastchoreographin am Staatstheater in Hannover ihr letztes großes und sehr persönliches Werk mit dem Titel Skorpion. Dies ist das Sternzeichen, unter dem sie geboren ist. Entsprechend versucht sie, eine Choreographie zu entwickeln, in der die weibliche Hauptrolle ihre eigene starke Persönlichkeit zeigt. Sie wählt die seinerzeitige Ausnahmetänzerin Heidrun Schwaarz für die Hauptrolle aus und greift musikalisch noch einmal auf eine Komposition des Amerikaners Morton Gold zurück. Das Stück wird ein ganz großer Erfolg.

1974 erhält Yvonne Georgi für ihr innovatives Lebenswerk in Hannover die Niedersächsische Landesmedaille. Sie stirbt am 25. Januar 1975 und wird auf dem Engesohder Friedhof beigesetzt.


(DTK) In den Jahren 1963 und 1964 haben Yvonne Georgi und Kurt Peters versucht, sein damals noch privates Tanzarchiv von Hamburg nach Hannover an die Staatliche Hochschule für Musik und Theater zu überführen. Verhandlungen wurden mit dem Stadtrat Heinz Lauenroth und mit dem Direktor der Hochschule, Prof. Felix Prohaska geführt („Der war sehr ungnädig, fühlte sich übergangen. Sie kennen ja die Eitelkeiten der Männer!“ Y.G. an K.P., 13.10.1963, DTK).

Yvonne Georgi zuhause im Ringelnatzweg, Hannover. Yvonne Georgi zuhause im Ringelnatzweg, Hannover.
Foto © Rolf Schäfer / Deutsches Tanzarchiv Köln
Yvonne Georgi zuhause im Ringelnatzweg, Hannover.

Kurt Peters sollte als Dozent und für seine Tätigkeit als Archivar bezahlt werden („Ich bringe also die Bibliothek und Sammlung praktisch als Morgengabe mit in die ‚Ehe’, denn ich will ja nur meine Arbeitsleistung vergütet sehen.“ K.P. an die Hochschule, o.D., DTK). Wegen einer erbetenen Beteiligung der Landeshauptstadt Hannover an den Umzugskosten für das Archiv scheiterte das Gesamtprojekt jedoch (Brief H. Lauenroth an K.P., 3.7.1964, DTK). 

Yvonne Georgi und Kurt Peters blieben befreundet. Viele Jahre lang wurden Anfragen Dritter nach ihrem späteren tanzkünstlerischen Nachlass mit dem Hinweis auf das Tanzarchiv von Kurt Peters beantwortet (Aussage beispielsweise von Pieter van der Sloot). Nach Yvonne Georgis Tod waren ihrem Testament jedoch keine Anordnungen zu entnehmen, die sich auf den tanzkünstlerischen Nachlass bezogen. Er blieb überwiegend in Privatbesitz. Im Zusammenhang mit einer Ausstellung und der Einrichtung einer allgemeinen musealen Dauerausstellung im Theater kam es nicht zur Weitergabe an das zudem immer noch private Tanzarchiv von Kurt Peters in Köln. Schließlich wurden verschiedene Materialien innerhalb Hannovers weitergegeben. Für die Forschung ergab sich eine für mehrere Jahrzehnte sehr unglückliche Situation. Der Teilbestand im damals personell unterbesetzten, v.a. aus dem Engagement eines Bühnenbildners entstandenen Theatermuseum Hannover war über Jahre hinweg nicht vollständig auffindbar. Anfragen an die Hochschule für Musik und Theater nach dem von Studenten im Keller der Hochschule entdeckten Teilbestand wurden nicht beantwortet (zuletzt: Schreiben an Präs. Prof. Dr. Behne vom 12.2.2000). Sehr umfangreiches Material aus unterschiedlichem Privatbesitz kam im Laufe der Jahre an das nun nicht mehr Kurt Peters privat gehörende Deutsche Tanzarchiv Köln. Später gelangte der einst an die Hochschule gegebene Archivalienbestand an das Theatermuseum im Schauspielhaus. Heute befinden sich, aus Splitternachlässen zusammengeführt, die beiden wesentlichsten Teile des tanzbezüglichen Dokumenten-Nachlasses im Deutschen Tanzarchiv Köln und im Theatermuseum Hannover.